Leseprobe: The Crimson Crows - Das Lied der Ezakel
Track 1 - Ghost Notes
Es zeichnet den Menschen aus, dass die Augen von allen Organen am wenigsten wachsen. Vom ersten Atemzug an behalten sie fast dieselbe Form – wie stille Zeugen, die ein Leben lang alles aufzeichnen, was der Mensch erlebt. Ich stelle mir gern vor, dass die Ez-Akélion am Ende unseres Weges diese Augen einsammeln. Dass sie all die gespeicherten Bilder lesen: Freude und Elend, Höhen und Tiefen, Liebe und Verlust. Denn selbst die Götter verstehen den Menschen nicht in seiner Gänze. Täten sie es, hätten sie längst den Allvater aus seinem kosmischen Grab auferstehen lassen und ihre Macht wiedererlangt.
— Valerius von Falkenstein, aus „Das Buch des Heavy Metal“
Das grelle Weiß der Blitze brannte sich in Sarahs Netzhaut und hinterließ violette Flecken, die wie Glühwürmchen vor ihren Augen tanzten.
„Zeig mir deine Schokoladenseite, Schätzchen“, kommandierte der Fotograf. Eine weitere Salve aus Blitzköpfen hüllte sie ein. Sarah blinzelte gegen den Schmerz an, verschränkte die Arme und drehte die Schulter weg. Alles für das perfekte Bild. Alles, damit dieser Kerl endlich aufhörte. Das Lichtgewitter erstarb. „Im Kasten. Da haben wir sicher was Brauchbares eingefangen“, schmatzte er. Ohne den Blick vom Monitor seiner Kamera zu lösen, fischte er nach der Dose Super-G. Das Metall zischte beim Öffnen – es musste seine vierte seit Beginn des Shootings sein. Mit einem erleichterten Seufzen schritt sie von dem Papierhintergrund. Ihre Stiefel hinterließen dumpfe Geräusche auf dem blau-gelb gemusterten Teppich des Ballsaals. Sie manövrierte an den Stativen und Kabeln vorbei, bis sie neben Rhonda zum Stehen kam. Ihre Bassistin schenkte ihr ein dünnes Lächeln, ohne den Blick vom Display ihres Smartphones zu lösen. Der grelle Schein des Handys beleuchtete Rhondas Gesicht, das völlig im endlosen Feed hirnverbrannter Videos ertrank.
Sarah ließ ihren Blick über den Ballsaal des Hotels schweifen. Überall lagen noch Pappbecher, zerrissene Konzerttickets und Konfetti der gestrigen Show verstreut. Am Ende des Saals auf der Bühne standen noch immer die Instrumente der Band. Sie wunderte sich, warum Bryan sie nicht schon längst, zusammen mit den Roadies, abgebaut hatte. Sarah kramte ihr Smartphone aus der Tasche. Das Display leuchtete auf: 11:10 Uhr. Wo zum Teufel blieben die Blackwoods?
„Ich habe noch andere Termine, wisst ihr?“, presste der Fotograf hervor. Seine Stimme überschlug sich in einer Tonlage, als hätte ihm jemand die Eier in einen Schraubstock gespannt. Sarahs Hand tastete ihren Hals ab. Ihre Finger schlossen sich um den kühlen, rauen Lapislazuli ihres Amuletts – eine alte Angewohnheit, wenn sie kurz davor war, die Beherrschung zu verlieren. Sie biss sich auf die Innenseite ihrer Wangen, um das Grinsen zu unterdrücken.
„Sie sind jeden Moment hier“, log sie und schenkte ihm ein beschwichtigendes Nicken. Der Mann schnaubte. Er beugte sich zu seinem Pudel hinab und tätschelte den lockigen Kopf. „Wenigstens du enttäuschst mich nicht, mein Kleiner.“ Er gurrte dem Tier zu und kippte den Rest seiner Super-G-Dose in den Edelstahlnapf. Die giftgrüne Suppe schwappte gegen den Rand. Der Pudel stürzte sich auf die künstliche Brühe und schlabberte los. Sarah stupste Rhonda an. Ein genervtes Stöhnen entfuhr der Bassistin, bevor ihr Blick auf den Hund fiel. Entsetzen löste das Desinteresse in ihrem Gesicht ab. Ein lautloser Blickwechsel folgte – die stumme Frage, wer von ihnen beiden diesen Wahnsinn stoppen sollte.
„Das Zeug kann nicht gut für Hunde sein”, sagte Sarah. Das Gesicht des Fotografen verfinsterte sich. „Mein Kleiner liebt Super-G. Und was man liebt, schadet einem nicht.“ Sarah vergrub die Hände in den Taschen ihrer Lederhose.
„Ach so ist das. Was man liebt, das schadet nicht? Hätte mein Vater das nur gewusst. Dann hätte ihn der Whiskey wohl kaum ins Grab gebracht.“ Der Sarkasmus in ihrer Stimme war unüberhörbar. Der Blick des Mannes hätte sie auf der Stelle aufspießen können, doch Sarah achtete nicht mehr auf ihn. Etwas anderes erweckte ihre Aufmerksamkeit. Ein Ton. Ein auf- und absteigender Dreiklang, weiblich, klar und fern. Sarah wirbelte herum. Sie suchte nach der Quelle der Stimme, doch der Ballsaal blieb leer. Der Gesang schien von überall und nirgendwo zugleich zu kommen, als sickerte er direkt aus den bröckelnden Wänden des Hotels. Er vibrierte nicht in der Luft, sondern tief in ihren Knochen.
„Rhonda? Hörst du das?“
„Was hören, Firecracker? Das Gejammer von der Witzfigur da?“ Rhonda nickte in Richtung des Fotografen.
„Nein. Da singt jemand.“ Sarah hielt den Atem an. Sie lauschte so intensiv, dass ihre Ohren zu dröhnen begannen. Doch die Stimme war fort. Zurück blieben nur das rhythmische Schlabbern des Pudels und das monotone Brummen der Klimaanlage, das wie eine bleierne Decke über dem Raum lag.
„Ich höre nichts. Wahrscheinlich klingeln dir nur die Ohren“, brummte Rhonda. „Tobias hat seinen Verstärker wieder auf Elf gedreht, obwohl ich ihn angefleht habe, es zu lassen. Nur einmal möchte ich erleben, dass der Kerl tut, was man ihm sagt.“ Sarah verwarf den Gedanken an einen Tinnitus. Zu sehr hatte es nach einer Melodie geklungen. Doch sie ließ es gut sein, sie hatte keine Kraft für eine Diskussion. Die Unzuverlässigkeit der Blackwoods und Bryans Abwesenheit wogen schwerer. Bryan hatte sich verändert. Seit er das Management übernommen hatte, kam er ihr distanzierter vor. Als bestünde ihre Beziehung nur noch aus Tourplänen und Abrechnungen.
„Hast du die Jungs noch mal angeschrieben?“, fragte Sarah. „Der Fotograf platzt gleich.“
„Machst du Witze? Ich habe ein Dutzend Nachrichten geschickt. Die Antwort ist immer dieselbe: Sind gleich da. Smiley Face. Ein fucking Smiley Face. Jedes Mal!” Rhonda kehrte zu ihrem Doomscrolling zurück. Ein kurzes, hohles Lachen entfuhr ihr, als ein neues Meme auf ihrem Display aufleuchtete. Sarah sank in einen einsamen Stuhl mitten im Saal. Die Polsterung war rissig und die Kanten der aufgebrochenen Stellen drückten unangenehm gegen die Haut.
„Unsere Band fällt auseinander“, sagte sie leise. Rhonda reagierte nicht sofort. „Tobias und Conor scheren sich um keinen Termin. Bryan hat keine Zeit mehr, mich auch nur anzusehen. Und du, Rhonda … du verlierst dich noch in dieser digitalen Welt.“ Die Nüchternheit ihrer eigenen Worte erschreckte Sarah. Rhonda lachte erneut auf, wahrscheinlich wegen eines dieser KI-Tiervideos, bevor sie das Handy sinken ließ und Sarah ansah.
„Stimmt doch gar nicht. Ich bin nicht süchtig. Es ist hier drin einfach nur sterbenslangweilig.” Sie steckte das Smartphone weg, trat hinter Sarah und legte ihre Hände auf deren Schultern. Die Berührung war fest und warm. Erst jetzt bemerkte Sarah, wie hart ihr Nacken war, als bestünde er aus Stein. „Sag so was nicht über die Crows, Firecracker“, murmelte Rhonda und begann, die Verspannungen wegzukneten. „Das wird schon wieder.“
„Ich wünschte, ich hätte deinen Optimismus.“ Sarah stöhnte auf, als Rhonda einen schmerzhaften Triggerpunkt unter ihrem Schulterblatt traf. „Seit zehn Jahren machen wir das jetzt schon, oder?“, fragte Sarah. Rhonda nickte stumm, während ihre Finger weiter Sarahs Schultern lockerten. „Zehn Jahre. Und was hat es uns gebracht? Ich habe das Gefühl, wir schwimmen gegen eine Stromschnelle an und kommen keinen Zentimeter vom Fleck.“ Bevor Rhonda antworten konnte, knallten die Flügeltüren des Saals gegen die Stopper. Das Geräusch hallte wie ein Schuss durch den Raum. Zwei Männer stapften herein. Ihre Westen, die abgewetzten Jeans und die absurd breitkrempigen Cowboyhüte wirkten in dem alten Hotel wie Kostüme aus einem John-Wayne-Western. Das dumpfe Poltern ihrer Lederstiefel fraß die Stille auf. Sarah erkannte sie sofort an ihrem arroganten Schlendern. Die Blackwood-Brüder.
„Wo wart ihr beiden Hornochsen so lange?“, brüllte Sarah über die Distanz hinweg. „Habt ihr eine Vorstellung davon, wie lange wir hier schon Wurzeln schlagen?“ Wenn die beiden es eilig hatten, dann verbargen sie es meisterhaft. Sie schlenderten über das Parkett, als wären sie Gott auf einem Sonntagsspaziergang.
„Tut uns leid. Wir hatten noch einen Klienten zu bedienen. Hat länger gedauert“, rief Tobias zurück. Seine Stimme hallte hohl von den hohen Wänden wider, als er und Conor sich langsam näherten.
Je näher die Brüder rückten, desto schneller verpuffte Sarahs Zorn und machte einer verblüfften Neugier Platz. Ein beißender Gestank wehte ihr entgegen – eine Mischung aus Ozon und Schwefel, als wären die beiden direkt der Hölle entsprungen. Sarah wartete, bis sie auf Schlagdistanz waren, bevor sie loslegte: „Was zum Teufel ist passiert?“ Sie deutete auf Tobias. Die Unterarme des Gitarristen waren zerfurcht. Lange, rote Striemen zogen sich bis zu den Ellbogen hinauf. Tobias warf einen flüchtigen Blick auf die Wunden und zuckte ungerührt mit den Schultern.
„Waschbären. Monströse Viecher. Ich sag’s dir, Sarah, die Biester in dieser Gegend sind mutiert.“
„Waschbären“, wiederholte Rhonda und rümpfte die Nase. Der Schwefelgestank wurde mit jedem Atemzug penetranter. „Was waren das für Waschbären? Kamen die aus einer Chemiefabrik? Ihr riecht, als hätte man euch in Giftschleim getunkt.“ Conor warf seinem Bruder einen kurzen Blick zu und rückte seinen Cowboyhut zurecht.
„Es war ein schlecht belüfteter Keller. Die Lage war … suboptimal.“
„Also seid ihr neuerdings auch Kammerjäger?“, fragte Sarah mit verschränkten Armen.
„Man tut, was man kann“, erwiderte Tobias. „Wenn wir mit der Band mehr verdienen würden, dann ...“
„Erspar mir die alte Leier“, unterbrach ihn Sarah. „Das entschuldigt eure Verspätung nicht.“ Der Fotograf klatschte laut in die Hände, als er die Brüder bemerkte.
„Sehr gut! Dann können wir jetzt anfangen. Fehlt noch jemand? Ich dachte, ihr wärt zu fünft?“ Bevor jemand antworten konnte, fixierte Tobias den Pudel, der gerade Super-G von seinem Herrchen in seinem Napf nachgeschenkt bekam. Er pfiff leise durch die Zähne.
„Vorsicht, Boss. Von dem Zeug wird der Kleine hyperaktiv. Ich hab’ mir mal drei von den Gs hinter die Binde gekippt … Junge, danach stampfte mein Herz wie die Kolben einer Lokomotive. Ich dachte, mir sprengt’s die Rippen weg!“ Der Fotograf starrte Tobias entgeistert an, die Hand schützend über dem Hund.
„Mein Hund ist ein Profi. Er verträgt das.“ Sarah stöhnte auf und warf die Arme in die Luft.
„Großartig. Jetzt fangen wir an, Haustier-Tipps auszutauschen. Wo zur Hölle ist Bryan?“ Sarah sah sich im Saal um. Ihr Blick suchte zwischen den Verstärkern und dem herumstehenden Equipment nach einem Zeichen von ihm. Verdammt. Wo steckte er? Er wollte nur kurz im Hotelzimmer telefonieren – das war vor einer Ewigkeit gewesen. Tobias und Conor tauschten vielsagende Blicke und grinsten sie an. Sarah verstand sofort, auch ohne Worte. „Schon gut. Ich gehe ihn suchen“, schnaufte sie. Sie wartete keine Antwort ab, wirbelte herum und marschierte auf die Flügeltüren zu. Das Klacken ihrer Absätze wurde komplett vom Hotelteppich geschluckt. In ihrem Nacken brannte noch immer der Blick der Brüder – dieses hämische Grinsen, das ihr die Kehle anschwellen ließ.
Als sie die Türen aufstieß, bildete sie sich ein, für den Bruchteil einer Sekunde wieder diesen auf- und absteigenden Dreiklang zu hören. Doch es war nur das ferne Heulen des Windes im Treppenhaus. Sie sah nicht zurück.
Track 2 - Seekers of Chaos
Man muss noch Chaos in sich haben, um einen tanzenden Stern gebären zu können.
— Friedrich Nietzsche, Also Sprach Zarathustra
Vor der Tür zu Zimmer 111 hielt sie inne. Sie drückte die Karte gegen den Scanner. Ein leises Klicken, dann das gewohnte Quietschen der Angeln.
„Nicht reinkommen!“, schrie Bryan von drinnen. Seine Stimme überschlug sich, klang dünn und brüchig. Sarahs Magen zog sich schmerzhaft zusammen. Sie wartete nicht und stieß die Tür auf. „Bryan? Die anderen warten. Sogar die Blackwoods sind schon unten ...“ Die Worte starben ihr im Hals. Der Raum roch nach fremdem, süßlichem Parfüm und Schweiß. Auf dem zerwühlten Doppelbett hockte Bryan, das weiße Laken hektisch bis zum Kinn gezogen. Doch er war nicht allein. Neben ihm, unter der verräterischen Wölbung der Decke, bewegte sich etwas. Sarahs Atem beschleunigte sich. Schweiß machte ihre Handflächen glitschig, als sie ans Fußende des Betts trat. Im Grunde hatte sie schon genug gesehen, um die Wahrheit zu kennen. Doch ihr Verstand weigerte sich, den letzten Schritt zu gehen. Mit einem Ruck riss sie das Laken weg. Neben Bryan schälten sich lange Beine und platinblondes Haar aus dem Stoff. Das Mädchen starrte Sarah mit dem dämlichen Gesichtsausdruck einer ertappten Nebenbuhlerin an. Sie war eine glatte Acht. Anfang zwanzig. Sicherlich ein OnlyFans-Model. Traf definitiv Bryans Geschmack. Bryan hingegen lag nackt daneben. Sein Glied regte sich noch halb erigiert. Ein letztes, erbärmliches Zeugnis dessen, was Sarah gerade unterbrochen hatte. Sarah fixierte Bryan. Ihr Blick bohrte sich in seine Augen, bis er wegsah. Er öffnete und schloss den Mund, brachte aber kein Wort zustande.
„Sarah. Das ist … das ist Harmony“, krächzte er schließlich. Sein Blick pendelte hilflos zwischen Sarah und seiner Bettgefährtin hin und her.
„Natürlich heißt sie so.“ Sarahs Stimme klang tonlos. Sie schluckte gegen den Kloß in ihrem Hals an, der sich anfühlte wie trockenes Stroh. „Und ich dachte schon, sie hätte einen gewöhnlichen Stripper-Namen wie Candy.“ Sarahs Augen wanderten über das Bett, als würde sie einen Tatort dokumentieren. „Das nennst du also Telefonieren.“ Eine Tube Gleitmittel glänzte schmierig auf dem Nachttisch. Daneben lag eine aufgerissene Packung Kondome. Direkt vor Sarahs Füßen, halb unter dem Bettpfosten, klemmte ein schwarzer Ledergurt mit einem Dildo.
„Ich sehe, ihr hattet Großes vor.“ Sie tippte mit der Stiefelspitze gegen das Spielzeug. Ein stechender Schmerz flammte in ihrer Brust auf. Nicht wegen des Betrugs allein, sondern wegen der Heimlichkeit. Bryan hatte nie von solchen Vorlieben gesprochen. Mit ihr war er der klassische Verlobte gewesen: Missionarsstellung, manchmal von hinten. Wobei sie diese Stellung nicht mochte. Sie hatte immer das Gefühl, er würde auf ihr Arschloch starren, wenn er hinten war. Dass er diese Seite von sich einer “Harmony“ offenbarte, während er Sarah jahrelang im Dunkeln ließ, fühlte sich an wie ein zweiter Dolchstoß. Sie kannte den Mann, den sie heiraten wollte, überhaupt nicht.
Bryan rollte sich aus dem Bett. Er packte das Laken und wickelte es sich hastig um die Hüften und Schulter, um seine Blöße zu bedecken. In dem weißen Stoff wirkte er erbärmlich, wie die Karikatur eines gestürzten Kaisers.
„Sarah …“, begann Bryan.
„Fick dich, Bryan.“ Sie streckte ihm den Mittelfinger entgegen. „Ich will nichts mehr von dir hören.“
„Hey, so kannst du nicht mit Bryan reden. Er hat jemanden gebraucht, der es ihm ordentlich besorgt. Nicht wahr, Zuckerschnute?“, mischte sich Harmony ein. Bryan hob die Hand.
„Nicht jetzt, Harmony.“
Sarah konnte nicht fassen, was sie da hörte. Hatte er dieser Schlampe ihre intimsten Dinge verraten? Zwischen Bryan und ihr war in den letzten Monaten im Bett nicht viel gelaufen. Sie dachte ihr Freund hätte Verständnis. Aber ihr Intimleben ging dieses Möchtegern-Instamodell nichts an.
„Soll ich ihr eine reinhauen oder machst du das, Bryan?“, fragte Sarah mit einem Kopfschütteln, dass ihre Haare flogen. Bryan stotterte eine Entschuldigung, aber sie hörte nicht mehr hin. Sie fuhr herum und lief zur Zimmertür hinaus.
Bryan stolperte mit seinem Laken hinterher, aber da war sie schon im Fahrstuhl. Die Tür schloss sich. Sie konnte ihren Schmerz nicht länger zurückhalten und heulte los wie ein Schlosshund. Schießlich öffnete sich die Tür ein zweites Mal und ein Herr im Anzug trat ein, der sich schweigend neben sie stellte. Sie richtete sich auf und hielt den Strom der Tränen zurück. Sie musste stark bleiben.
*
Sarahs Stöckelschuhe klackten auf dem Teppichboden des großen Saals. Sie stürmte an Rhonda und den Blackwood-Brüdern vorbei zum Fotografen und griff sich eine Dose Super-G aus der Kühltruhe neben dem Equipment. Sie riss den Energiedrink auf und kippte so viel, wie sie in einem Atemzug schaffte, die Kehle hinunter. Das Zeug war eiskalt und schmeckte wie Hustensaft. Sarah erntete von ihren Bandkollegen und dem Fotografen verdutzte Blicke.
„Hast du auch was Stärkeres?“, fragte sie den Mann an der Kamera, bevor ihr ein lautstarkes Rülpsen entfuhr. Zu viel Kohlensäure in diesen Scheiß-Drinks! Der Mann schüttelte langsam den Kopf und hob seinen Hund auf den Arm, als wolle er ihn beschützen.
„Sarah? Alles in Ordnung? Was ist los?“, fragte Rhonda. Sie war ihr nachgegangen und stand nun eine Armeslänge hinter ihr. Erneut schwangen die Doppeltüren mit einem Poltern auf. Bryan lief auf die Gruppe zu, nur in ein weißes Laken gehüllt. Mit seinem fülligen Leib unter dem Stoff sah er aus wie Dionysos, der Gott der Freude. Mit dem Unterschied, dass er Sarah nur Kummer bereitete.
Sarah nahm einen kräftigen Schluck vom Drink, bevor sie antwortete: „Das ist los.“ Sie zeigte auf Bryan. Die Blicke von Rhonda und den Blackwood Brüdern wanderten zu Bryan, der über den langen Saal auf sie zu marschierte.
„Hör zu, Sarah. Ich weiß, es klingt abgedroschen. Nichts kann meinen Fehler ungeschehen machen. Aber es tut mir leid“, keuchte Bryan außer Atem, als nur noch ein paar Meter sie trennten.
„Ich weiß nicht, in welcher Welt du lebst! In meiner gibt es kein Zurück, wenn man eine andere fickt.“ Rhonda sog hörbar die Luft ein, gefolgt von einem entsetzten Stöhnen.
„Das hast du nicht getan, Bryan!?“, presste ihre Freundin hervor. Bryan sank vor Sarah auf die Knie und faltete die Hände.
„Bitte, Sarah. Gib mir noch eine Chance. Du bist die Liebe meines Lebens!“ Sarah krallte sich so fest an die Dose, dass das dünne Blech unter ihrem Griff nachgab. Die restliche grüne Plörre spritzte über den Teppich.
„Es ist vorbei, Bryan. Oder soll ich es für dich buchstabieren? V-O-R-B-E-I. Vorbei!“, schrie sie ihm entgegen.
„Komm schon“, jammerte ihr Verlobter. „Ich bin ein Mann, ich habe Bedürfnisse. Der Stress, die Tour … ich musste Druck ablassen. Verstehst du? Das war keine Liebe zwischen mir und Harmony.“ Es wollte nicht in Sarahs Schädel passen. Wie hatte er ihr das antun können? Sie waren verlobt. Sie hatte diese verdammte Torte mit ihrer zukünftigen Stiefmutter ausgesucht: Lemon-Cheesecake. Die Einladungskarten waren bereits verschickt. Und dabei mochte sie die Geschmacksrichtung nicht einmal.
„Du hast es auf den Punkt gebracht, Bryan. Es war keine Liebe“, sagte sie bitter. Ihre Lippen waren nur noch zwei schmale, hart zusammengepresste Striche.
Ein trockenes Schnauben kam von der Seite. Tobias Blackwood lehnte lässig an einem Marshall-Verstärker, die Arme verschränkt, den Cowboyhut tief im Gesicht.
„Bedürfnisse, hm?“, warf Tobias ein. Seine Stimme klang wie Schleifpapier auf Beton. „Ich dachte immer, ein Mann regelt seinen Druck mit Sport oder 'nem verdammt schnellen Song. Selbst Handanlegen ist ja eine Möglichkeit. Aber sich im Laken vor der eigenen Verlobten zu wälzen ... das ist eine neue Disziplin, Bryan.“ Conor nickte nur kaum merklich, die Augen fest auf Bryan gerichtet, als würde er ein lästiges Insekt studieren. Er sagte kein Wort. Sarah drückte die zerbeulte Dose noch fester zusammen. Das Metall knirschte.
„Danke, Tobias. Aber ich brauche keinen Kommentar von der Galerie.“
„War nur 'ne Beobachtung, Firecracker“, erwiderte Tobias und zuckte die Achseln. „Aber wenn wir schon beim Thema Bedürfnisse sind: Der Typ mit der Kamera hat auch eins. Er will uns endlich ablichten, bevor sein Köter vor lauter Super-G explodiert.“
„Danke für den Einwand“, sagte der Fotograf. Er schaute nervös auf seine Uhr. „Wenn ihr ein Foto wollt, dann müssen wir es jetzt machen. Ich habe keine Zeit mehr.“ Er wippte hektisch auf seinen Fußsohlen hin und her. Seinen Hund hielt er fest und streichelte den kleinen Pudel beständig.
„Kannst du uns noch fünf Minuten geben?“, fragte Bryan und hielt seine gefalteten Hände vor den Mund.
„Nein, kann ich nicht. Ich habe euch schon sechzig Minuten zu viel gegeben. Ich bin spät dran. Also bekommt euren Scheiß zusammen und wir machen jetzt das Foto, oder ich baue ab und schicke euch trotzdem die Rechnung.“ Er ließ nicht mit sich verhandeln.
„Okay, wir machen das Foto“, sagte Sarah. Rhonda fasste sie sanft am Arm und sagte: „Bist du dir sicher, Liebes? Wir können es auch absagen.“ Sarah dachte kurz nach. Zwar fühlte sie sich danach, alles hinzuschmeißen und sich bei Rhonda auszuheulen, mit Eiscreme und einer Menge Bier. Doch die Band war ihr zu wichtig, um den Fototermin platzen zu lassen. Nur wegen des Arschlochs Bryan die Crimson Crows leiden zu lassen, schien ihr absurd. Sarah schüttelte den Kopf. Nein, das würde nicht passieren. Bryan war ein riesiges Arschloch, weil er fremdgegangen war, doch sie musste jetzt professionell bleiben und das von ihrer Karriere und der Band trennen. Sie sah auf den Boden. Der Energiedrink aus der zusammengeknüllten Dose in ihrer Hand hatte sich mittlerweile selbstständig gemacht und überall verteilt. Entschlossen sah sie zu Rhonda und dem Fotografen auf.
„Nein. Wir machen das Foto. Und du, Bryan, bleibst genau wie du bist, nur mit dem Bettlaken bekleidet.“
„Du machst Witze?“, fragte Bryan ungläubig und lächelte leicht.
„Nein, tut sie nicht“, sagte der Fotograf. „Wir müssen es jetzt machen oder nie.“
„Das geschieht dir recht“, sagte Sarah schadenfroh. Sie grinste unter den Tränen einer Betrogenen, die sich an ihrem ehemaligen Liebhaber rächen wollte. Sie versuchte zu lachen, doch ihr Gesicht verwandelte sich in eine Grimasse des Schmerzes.
Und so entstand das wohl seltsamste Bandfoto der Musikgeschichte. Fünf ungleiche Individuen vor einem graublauen Hintergrund. Blitze zerrissen die Dunkelheit des leeren Saals, erhellten für Sekundenbruchteile die Gesichter der Bandmitglieder.
„Sehr gut!“, rief der Fotograf immer wieder. „Gebt mir alles, was ihr habt. Nur noch eins …“
Die Blackwood-Brüder flankierten die Gruppe. In Cowboytracht – Lederstiefel, Jeans, Weste und Hut – stachen sie hervor, ein ungewöhnlicher Anblick für die sonst schwarz gekleideten Metaller. Links von Sarah stand Rhonda. Schwarzes Outfit, Minirock, viel Silberschmuck. Ihre Tattoos zeichneten sich schwach auf ihrer dunklen Haut ab. Sie wirkte gefährlich, wie eine Bikerbraut, bereit für eine Schlägerei mit der Nebenbuhlerin. Rechts von Sarah, nur mit einem Bettlaken bekleidet, stand Bryan. Lässig, ein Knie angewinkelt, die Hände in die Hüften gestemmt, erinnerte er tatsächlich an die abgefucktere Version von Dionysos; wenn das überhaupt möglich war. Sarah bildete das Zentrum dieser scheinbar zusammengewürfelten Bande. Breitbeinig stand sie da, die enganliegende Kleidung betonte ihre weiblichen Formen. Verlaufenes Augen-Make-up, Tränen rannen ihr über die Wangen. Ohne die Vorgeschichte zu kennen, hätte man das Foto für eine inszenierte Performance gehalten, jede Pose sorgfältig geplant. Aus Chaos konnte Schönes entstehen, aus Schönem Kunst. Aus Chaos wurde die Welt geboren und ins Chaos würde sie zurückkehren.
Sarah würde in dieser Nacht noch viele Tränen in ihrem Hotelzimmer vergießen. Doch diesen Schmerz nahm sie in Kauf, wenn dafür ihr Traum einer erfolgreichen Rockband nicht sterben musste. Jeden Herzensstich, jeden stillen Schrei in ihr Bettkissen, jede offene seelische Wunde würde sie in Kauf nehmen, um eines zu erreichen: Die Crimson Crows berühmt zu machen.
Als das Shooting vorbei war und die anderen den Saal verließen, trat Sarah auf Bryan zu. Sie sah die Hoffnung in seinen Augen aufbeben, während sie seine Hand nahm. Fast mechanisch streckte sie seine Finger, bis seine Handfläche offen vor ihr lag.
Sie ließ den Ring hineingleiten. Ein goldener Schimmer auf seiner Haut. Sie beobachtete, wie sein Gesicht erstarrte, wie der Schmerz über seine Züge huschte und schließlich dieser hohlen Resignation wich. Er sah zu ihr auf. Sarah ertrug seinen Blick, in dem alles zugleich lag: Verstehen, Bedauern und die stille Gewissheit, dass sie ihn gerade endgültig verloren hatte.
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Crimson Crows - Das Lied der Ezakel - Band 1
Das Buch erscheint am 15. Oktober 2026
Ein Urban Fantasy Thriller über Musik, Magie und die Macht der Metal Lords
Sarah dachte, das Schlimmste an ihrer Band wären die mieserablen Gigs und ihr Ex-Freund am Schlagzeug. Bis Dämonen auf die Bühne stürmten.
Als die junge Sängerin der Crimson Crows während eines Konzerts mitansehen muss, wie ein Dämon die Bühne stürmt, bricht eine Welt über sie herein, die sie nie für möglich gehalten hätte. Plötzlich ist nichts mehr, wie es scheint: Ihr Bandkollege entpuppt sich als Dämonenjäger, okkulte Symbole tauchen überall auf und aus ihrer Kehle dringen Kräfte, die sie nicht versteht.
Die Brüder Tobias und Conor Blackwood jagen seit Jahren einen satanischen Kult, der im Verborgenen agiert und Menschen für seine dunklen Rituale opfert. Als sie Sarah retten, erkennen sie die Wahrheit: Sie ist die lang gesuchte Auserwählte - ein Metal Lord mit der Macht, Dämonen zu bannen.
Doch der Kult ist ihnen bereits auf der Spur. Dr. Johann Nussbaumer, ein skrupelloser Ermittler des Kultes, und seine Armee aus Werwölfen und Fanatikern verfolgen die Band quer durch Amerika. Von den Clubs von Texas bis in die mystischen Wüsten von Arizona - überall lauert der Tod.
Sarah muss sich entscheiden: Will sie ein normales Leben oder ist sie bereit, als Kriegerin gegen die Mächte der Finsternis zu kämpfen? Denn ihre Stimme könnte der Schlüssel sein, um eine uralte Prophezeiung zu erfüllen - oder die Welt ins Chaos zu stürzen.
"Ein mitreißender Mix aus Urban Fantasy und Metal-Kultur, der von der ersten Seite an fesselt. Oliver McClendon erschafft eine Welt, in der Musik zur Waffe wird und jeder Akkord über Leben und Tod entscheiden kann."
Genre: Urban Fantasy, Dark Fantasy, Thrill
Ausführung: Hardcover mit Schutzhüllenumschlag, signiert
Zielgruppe: Fans von Supernatural, Constantine und Metal-Musik
Seiten: 508